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Die meisten Vorhaben in diesem Feld beginnen mit der falschen Frage. Sie beginnen mit „Sollen wir etwas mit AR machen?“, und enden mit einer Anwendung, die auf einer Messe gut aussieht und danach niemandem fehlt. Die bessere Frage lautet: An welcher Stelle in unserem Haus scheitert regelmäßig das Verstehen? Wer sie zuerst beantwortet, bekommt Technologie als Ergebnis statt als Ausgangspunkt.

Dieser Beitrag geht den Produktlebenszyklus durch, von der Konstruktion bis zum Service, und beschreibt für jede Station, was dort tatsächlich hilft, was es voraussetzt und woran man erkennt, dass es wirkt.

Warum die Technologiefrage die falsche erste Frage ist

Produktkonfigurator, AR-Anwendung und VR-Schulung sind unterschiedliche Anwendungen, können aber auf derselben zentralen Grundlage aufbauen: einem sauber aufbereiteten Produktdatensatz. Der Aufwand steckt nicht in der Anwendung, sondern in der Grundlage. Wer sie einmal richtig baut, kann alle drei haben.

Umgekehrt gilt: Wer mit der Anwendung beginnt, baut die Grundlage jedes Mal neu. Das ist der häufigste Grund, warum das zweite Vorhaben in einem Haus genauso teuer ist wie das erste, und warum nach zwei Anläufen niemand mehr ein drittes bewilligt.

Die Grundlage: ein aufbereiteter Produktdatensatz

Was Aufbereitung bedeutet

In Ihrer Konstruktion liegen CAD-Daten. Sie beschreiben das Produkt vollständig und exakt, allerdings für die Fertigung. Für Darstellung und Erklärung sind sie in dieser Form unbrauchbar: Sie enthalten Millionen von Flächen, Normteile, Toleranzen, Konstruktionshistorie und Innengeometrie, die niemand sehen soll. Vollständige Konstruktionsdaten sind in der Regel nicht dafür optimiert, direkt performant im Browser dargestellt zu werden – und kein Vertriebsmitarbeiter kann damit arbeiten.

Aufbereitung heißt: reduzieren, ohne die Aussage zu verlieren. Konkret werden die Daten in sinnvolle Baugruppen zerlegt und benannt, auf eine darstellbare Flächenzahl heruntergerechnet, mit Materialien und Oberflächen versehen, um Bewegungen ergänzt (was klappt auf, was dreht sich, was fährt aus) und um die Informationen erweitert, die im Gespräch gebraucht werden.

Das ist Handarbeit mit Werkzeugunterstützung, und es ist der Posten, den man bei der Planung unterschätzt. Es ist zugleich der Posten, der sich amortisiert.

Warum das der eigentliche Investitionsposten ist

Ist der Datensatz einmal aufbereitet, entstehen daraus die Web-Darstellung, der Konfigurator, die AR-Ansicht, das Messeexponat, das Schulungsmodul und die Serviceanleitung. Ist diese Grundlage einmal geschaffen, kann sie für weitere Anwendungen wiederverwendet werden. Dadurch reduziert sich der Aufwand für nachfolgende Einsatzfelder häufig deutlich.

Das hat eine unbequeme Konsequenz für die Projektplanung: Das erste Einsatzfeld trägt die Kosten für alle folgenden. Wer nur das erste rechnet, kommt auf ein schlechtes Verhältnis. Wer alle sechs rechnet, aber nur eines umsetzt, hat sich selbst betrogen. Die ehrliche Rechnung nennt vorab, welche Einsatzfelder in welcher Reihenfolge tatsächlich kommen sollen.

Die sechs Stationen

1 · Konstruktion und Entwicklung

Was dort passiert: Varianten werden festgelegt, Einbausituationen geprüft, Freigaben eingeholt. Beteiligt sind nicht nur Konstrukteure, sondern auch Fertigung, Einkauf, Qualitätssicherung und häufig der Kunde.

Wo es hakt: Ein Teil der Beteiligten liest keine technische Zeichnung. Sie stimmen zu, ohne die Konsequenz zu sehen, und der Einwand kommt in der Vorserie, wenn Änderungen teuer sind.

Was hilft: Ein interaktives Modell, das im Browser läuft und keinerlei CAD-Kenntnisse voraussetzt. Kollisionen, Zugänglichkeiten für die Wartung und Einbaumaße lassen sich daran auch von Nicht-Technikern beurteilen.

Format: Web-3D-Modell, bei räumlichen Fragen ergänzt um eine AR-Ansicht im Maßstab 1:1.

Woran Sie den Effekt merken: Einwände kommen früher. Das fühlt sich zunächst nach mehr Diskussion an und ist die günstigste Diskussion, die Sie führen können.

2 · Marketing und Kommunikation

Was dort passiert: Produktbilder, Datenblätter, Katalog, Website, Kampagnenmaterial, Messegrafik, in mehreren Sprachen und für mehrere Varianten.

Wo es hakt: Bildmaterial entsteht am physischen Produkt. Das bedeutet: Es gibt es erst, wenn das Produkt existiert, es zeigt genau eine Ausführung, und jede weitere Variante kostet einen neuen Fototermin. Bei Produkten, die im Kundenauftrag gefertigt werden, gibt es oft gar kein vorzeigbares Exemplar.

Was hilft: Renderings aus dem aufbereiteten Datensatz. Jede Variante, jede Farbe, jeder Ausschnitt, jede Perspektive, und zwar bevor das Produkt gebaut ist.

Format: Rendering-Pipeline auf Basis des Web-3D-Modells. Für hohe Variantenzahlen automatisiert.

Woran Sie den Effekt merken: Der Markteintritt eines neuen Produkts beginnt Monate früher, weil die Kommunikation nicht mehr auf das erste Serienstück wartet.

3 · Vertrieb und Beratung

Was dort passiert: Erstgespräch, Bedarfsklärung, Variantenauswahl, Angebot, Nachverhandlung.

Wo es hakt: Der Vertrieb erklärt ein Produkt, das der Gegenüber nicht sehen kann, anhand von Unterlagen, die für Fachleute geschrieben sind. Missverständnisse über Varianten führen zu falsch konfigurierten Angeboten und zu Korrekturschleifen.

Was hilft: Ein Werkzeug, das im Termin läuft und die Variante zeigt, über die gerade gesprochen wird. Wichtig ist weniger die Technik als die Bedienbarkeit: Es muss ohne Schulung, ohne Internetverbindung und ohne Vorbereitung funktionieren.

Format: Web-3D-Modell, bei hoher Variantenvielfalt ein Konfigurator, der die Auswahl strukturiert an die Angebotserstellung übergibt.

Woran Sie den Effekt merken: Die Zahl der Angebotsrunden sinkt. Das ist die am leichtesten messbare Größe im ganzen Feld, denn sie steht in Ihrem CRM.

4 · Messe, Showroom und Live-Kommunikation

Was dort passiert: Aufmerksamkeit erzeugen, Gespräche eröffnen, das Produkt zeigen.

Wo es hakt: Was gezeigt wird, ist eine Funktion dessen, was sich transportieren ließ. Große Systeme erscheinen als Ausschnitt, Software erscheint gar nicht.

Was hilft: Das Ganze neben den Ausschnitt stellen. Per AR erscheint die Anlage maßstabsgetreu im Raum; per VR wird eine Umgebung begehbar, die es auf dem Stand nicht geben kann: ein Führerstand, ein Tunnel, eine Fertigungslinie.

Format: AR für Größe und Einbau, VR für Umgebungen. Beides auf demselben Datensatz.

Woran Sie den Effekt merken: Die Standfläche wird kleiner oder das Gespräch länger, meist beides.

5 · Training und Qualifizierung

Was dort passiert: Einarbeitung, Produktschulung für Vertrieb und Service, Kundenschulung.

Wo es hakt: Geübt wird an der Anlage. Die steht dafür still, kann beschädigt werden, ist nicht immer verfügbar und zeigt nur den Normalfall, nicht den Störfall, um den es eigentlich geht.

Was hilft: Ein Modell, an dem Abläufe durchgespielt werden, einschließlich der Fehlerfälle. Besonders wertvoll dort, wo Personal knapp ist und Einarbeitungszeit unmittelbar Kosten verursacht.

Format: Interaktives 3D-Training im Browser für Abläufe und Zusammenhänge; VR, wenn räumliche Orientierung und Handgriffe geübt werden müssen.

Woran Sie den Effekt merken: Die Zeit bis zur ersten selbstständigen Tätigkeit verkürzt sich, und die Anlage steht seltener für Schulungszwecke still.

6 · Service und Wartung

Was dort passiert: Instandhaltung, Störungsbeseitigung, Ersatzteilbestimmung, oft unter Zeitdruck, oft von wechselndem Personal, oft an Anlagen, die vom Auslieferungszustand abweichen.

Wo es hakt: Das Wissen steht in einem Handbuch, das für den Normalzustand geschrieben wurde. Wer eine Anlage zum ersten Mal sieht, findet die richtige Schraube nicht.

Was hilft: Anleitungen, die dem Techniker am realen Bauteil eingeblendet werden, Schritt für Schritt, in der richtigen Reihenfolge. Bei Bedarf mit einem Kollegen aus der Zentrale, der dasselbe Bild sieht.

Format: AR auf dem Tablet, MR auf der Brille, wenn die Hände frei bleiben müssen.

Woran Sie den Effekt merken: Weniger Rückfragen aus dem Feld, weniger Zweitanfahrten, kürzere Einsatzdauer.

Wo künstliche Intelligenz wirklich etwas beiträgt und wo nicht

Der Begriff wird in diesem Feld großzügig verwendet. Drei Abgrenzungen halten die Diskussion sauber:

Automatisierung ist keine KI. Eine Pipeline, die aus einem Datensatz automatisch Bilder für 240 Varianten rendert, folgt Regeln. Sie spart erhebliche Zeit und ist trotzdem keine künstliche Intelligenz. Ein Produktkonfigurator ist ebenfalls regelbasiert: Er kennt Kombinationsregeln, er entscheidet nicht.

KI mit Freigabe ist der realistische Volumenfall. Produktbeschreibungen für hunderte Varianten, Übersetzungen, Zusammenfassungen technischer Unterlagen für unterschiedliche Zielgruppen: Hier erzeugt ein Modell Vorschläge, und ein Fachmensch gibt frei. Mit fachlicher Prüfung lässt sich dieser Ansatz heute in vielen Anwendungsfällen sinnvoll einsetzen.

Agentisch ist erst, was Ziele erkennt. Eine Anwendung ist dann agentisch, wenn sie das Anliegen ihres Gegenübers erschließt, daraufhin Inhalt und nächsten Schritt auswählt, Zusammenhänge erklärt und auch sagt, wenn eine Variante für diesen Fall die falsche ist. Das ist ein deutlich höherer Anspruch als „interaktiv“, und die meisten Anwendungen, die so genannt werden, erfüllen ihn nicht.

Für die Praxis heißt das: KI ist in diesem Feld heute vor allem ein Produktionsthema, kein Erlebnisthema. Der Nutzen entsteht dort, wo Varianten, Sprachen und Formate in großer Zahl bedient werden müssen.

In welcher Reihenfolge man anfängt

Drei Grundsätze, die sich in der Praxis bewährt haben:

Beginnen Sie dort, wo es messbar weh tut. Nicht beim Einsatzfeld mit der größten Wirkung auf dem Papier, sondern bei dem, dessen Kosten Sie heute schon kennen. Wer die Zahl der Angebotsrunden oder die Kosten der Musterstücke benennen kann, hat den Business Case bereits.

Bauen Sie die Grundlage für mehr, als Sie zuerst umsetzen. Die Aufbereitung sollte von Anfang an so angelegt sein, dass die anderen Einsatzfelder daraus bedient werden können, auch wenn Sie zunächst nur eines umsetzen. Der Aufpreis dafür ist gering, die Nachrüstung teuer.

Nehmen Sie ein Bauteil, nicht das Portfolio. Ein einzelnes, echtes Bauteil, an dem sich der Weg vollständig durchspielen lässt, bringt mehr Erkenntnis als eine Konzeptstudie über die gesamte Produktpalette, und sie liefert etwas, das man im Haus herumzeigen kann.

Die häufigsten Fehler

Die Anwendung wird gebaut, bevor die Frage steht. Erkennbar daran, dass im Projektnamen eine Technologie vorkommt.

Die Datenaufbereitung wird als Nebensache geplant. Sie ist der Hauptposten. Wer sie unterschätzt, wird im Projektverlauf entweder teurer oder ungenauer.

Nur ein Einsatzfeld wird bedient, aber alle sechs werden gerechnet. Das rächt sich beim zweiten Vorhaben, wenn der versprochene Skaleneffekt nicht eintritt, weil die Grundlage nicht dafür gebaut wurde.

Das Werkzeug ist für die Zentrale gebaut, nicht für den Außendienst. Alles, was Schulung, Internetverbindung oder Vorbereitung braucht, wird im Kundentermin nicht benutzt.

Die Pflege ist nicht geklärt. Produkte ändern sich. Wer nicht festlegt, wer das Modell aktualisiert, hat nach zwei Jahren eine Anwendung, die eine Variante zeigt, die es nicht mehr gibt. Das ist schlimmer als keine Anwendung.

Kurz beantwortet

Womit fängt man an, wenn das Budget klein ist? Mit einem aufbereiteten Modell eines einzigen relevanten Bauteils, eingesetzt im Vertrieb. Das ist das Einsatzfeld mit dem kürzesten Weg zwischen Aufwand und messbarer Wirkung.

Wie lange hält so ein Modell? So lange das Produkt sich nicht ändert. Bei Änderungen wird der Datensatz nachgeführt, was deutlich weniger Aufwand ist als die Ersterstellung, vorausgesetzt, die Aufbereitung wurde sauber strukturiert.

Wer im Unternehmen sollte das treiben? Am tragfähigsten ist eine Kombination: Marketing oder Vertrieb bringt den Anlass, die Konstruktion die Daten, die Geschäftsführung die Entscheidung. Ein Vorhaben, das nur in einer dieser drei Ecken sitzt, bleibt in der Regel stecken.

Brauchen wir dafür eigenes Personal? Für den Betrieb nein, für die Pflege eine benannte Zuständigkeit. Für die Pflege braucht es vor allem eine klar benannte Zuständigkeit. Der tatsächliche Aufwand hängt von Produktumfang und Änderungsfrequenz ab.

Wenn Sie klären möchten, an welcher Stelle im Produktlebenszyklus 3D, AR, VR oder KI einen konkreten Nutzen schaffen können, betrachten wir gemeinsam Ausgangslage, vorhandene Produktdaten und mögliche Einsatzfelder. Vereinbaren Sie gern ein unverbindliches Erstgespräch unter info@hello-flame.com.

Sonja Bunzeit

Sonja Bunzeit ist Beraterin für Marketing, Kommunikation und digitale Tools bei flame. Seit über zehn Jahren begleitet sie Unternehmen bei der Planung, Auswahl und Einführung praxisnaher Lösungen – von Kampagnen- und Contentstrategien über Performance-Marketing bis hin zu CRM-Systemen und automatisierten Workflows. Ihr Schwerpunkt liegt darauf, Komplexität zu reduzieren und Klarheit in digitale Entscheidungsprozesse zu bringen. Sie analysiert Anforderungen, bewertet Tools und Maßnahmen und entwickelt Marketing- und Kommunikationskonzepte, die im Arbeitsalltag funktionieren und messbare Wirkung entfalten. Sonja Bunzeit verbindet strategisches Denken mit operativer Umsetzbarkeit. Sie hilft Unternehmen, digitale Maßnahmen sinnvoll zu priorisieren und nachhaltig aufzusetzen – jenseits von Tool-Hypes und kurzfristigen Trends.